Der Bau der Reichsautobahn bei Deggendorf

von | 28 März,2024 | Allgemeines

2.5. Der Grunderwerb

Anfang September 1938 informierte die Oberste Bauleitung den Deggendorfer Bürgermeister über das Vorhaben, zur „Vorbereitung der Bauerlaubnis und Grunderwerbsverhandlungen […] die innerhalb [seiner] Gemeinde in die künftige Reichsautobahn fallenden Grundstücke zur Feststellung der Kulturart und der Bestellung, sowie zur Schätzung ihres Wertes […] zu begehen“. Die Besichtigung, die in Gegenwart des Bürgermeisters sowie des Ortsbauernführers erfolgen solle, wurde für den 5. September anberaumt. Man betonte, dass die „Beteiligung der betroffenen Grundeigentümer […] an der Begehung weder erforderlich noch erwünscht“ sei (25). Die „Grunderwerbsverhandlungen in den Steuergemeinden Deggendorf und Schaching“, an denen die Eigentümer beteiligt waren, fanden am sechsten September statt (26). Die Besitzer von Flächen, die nur teilweise benötigt wurden, mussten der RAB eine „Bauerlaubnis“ erteilen, das heißt „die sofortige Inbesitznahme und Benützung“ gewähren. Die Festsetzung des zu zahlenden Preises sollte nach dem Abschluss der Bauarbeiten und der Vermessung erfolgen (27). Im Oktober 1938 fand außerdem – ebenfalls auf dem Gebiet der Stadt Deggendorf – eine „Begehung der durch die Reichsautobahn benötigten Waldgrundstücke in Begleitung eines Forstsachverständigen wegen Festsetzung der Aufwuchsentschädigung“ (28) statt. Die vergleichbaren die Gemeinde Schaufling betreffenden Unterlagen liegen mir nicht vor, diese sind aber wohl ebenfalls im Herbst 1938 durchgeführt worden.

Bau des Mühlbogentunnels 1938/39 durch die Bauunternehmung Luber, Deggendorf

2.6. Die eingesetzten Arbeiter

Die Zahl der Arbeitslosen im Reich war in der Mitte der 30er Jahre stark rückläufig, wobei es bestimmte Ausnahmen – unter anderem in unserer Gegend – gab. Bereits in einem im April 1937 erschienenen Artikel ist die Rede „von der riesigen Arbeitsbeschaffung, die der Bau mit sich bringen wird“ (29). Im Mai 1938 wandte sich die RAB-Direktion mit folgendem Anliegen an die Oberste Bauleitung München: „Aus der Zusammenstellung der Reichsanstalt ist ersichtlich, daß in den Arbeitsamtsbezirken Deggendorf und Cham (Bayerischer Wald) auf 1.000 Einwohner noch immer 13 – 15 Arbeitslose treffen gegenüber 7 Arbeitslosen im Reichsdurchschnitt. Wir ersuchen dringend, die Bauarbeiten auf der Strecke Regensburg-Passau beschleunigt in Angriff zu nehmen“. Man wollte einem Einsatz der Betreffenden bei Wasserbaumaßnahmen an der Donau zuvorkommen (30).

Neben der Stammbelegschaft der beteiligten Firmen kamen beim Autobahnbau tatsächlich zahlreiche Arbeitslose zum Einsatz, was sich aber – wie noch aufzuzeigen ist – als problematisch erwies. Franziska Wissekal, die ab August 1939 im Deggendorfer Arbeitsamt beschäftigt war, erinnert sich daran, dass im Rahmen von Notstandsarbeiten Zuschüsse für die Bezahlung der ungelernten Autobahnarbeiter gewährt wurden, deren Stundenlohn letztlich 55 Pfennig betrug. Als Grundlage dienten die von der Firma Streicher eingereichten Lohnlisten (31). Im Februar 1942 betont Max Streicher, dass es sich beim Los 135 „um eine grössere Reichsautobahnbaustelle handelt, mit anfänglich ca. 800 Arbeitern“ (32). Dass diese Zahl erreicht wurde, erscheint angesichts der noch zu behandelnden Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Arbeitskräften zweifelhaft. Wilhelm Furthner, der als Ingenieur auf der Baustelle tätig war, geht von ca. 600 von der Firma Streicher eingesetzten Arbeitern aus (33). Auch für die Errichtung von Kunstbauten durch andere Firmen war eine gewisse Zahl von Personen nötig. In der Teilstrecken-Kostenabrechnung für das Los 135 wird die „Unterbringung 200 auswärtiger Arbeiter“ erwähnt (34). Diese kamen zum Großteil aus dem Bayerischen Wald und übernachteten in Privatquartieren, die meisten Beschäftigten lebten wohl in Deggendorf oder der unmittelbaren Umgebung (35). Die 1959 in einem Artikel genannte Zahl von 2000 im Bereich des Loses 135 eingesetzten Personen ist sicher zu hoch gegriffen (36).

Das damalige Arbeiterlager bei Klessing. Der “Heustadel” (links) steht noch

2.7. Im Zusammenhang mit dem Bau der RAB errichtete Baracken

In der Nähe der Baustellen wurden an verschiedenen Stellen Baracken errichtet. Es ist davon auszugehen, dass für diese die Firma Streicher verantwortlich war (37). In einem das Los 135 betreffenden Schreiben dieses Unternehmens an die OBR München ist von einer Büro,- zwei Kantinen- und sechs „Untertretbaracken“ (Toiletten) sowie „Materialbauhüten“, im Gegensatz zu einer anderen Baustelle aber nicht von „Mannschaftsbaracken“ die Rede (38). Solche Gebäude wurden im Bereich des Loses 135 wohl nicht zu Wohnzwecken errichtet, da aus anderen Gegenden kommende Arbeiter – wie oben beschrieben – in Privatquartieren untergebracht waren. In Deggendorf befanden sich Baracken unter anderem an der Stelle der heutigen Anlage Friedrich-Gauß-Str. 1 (unter anderem Telekom) (39). Auf dem Gebiet der Gemeinde Schaufling stand ein Barackenkomplex bei Klessing.

(Abb.8) Die Baracken bei Klessing in den späten 1940er Jahren – Archiv Florian Jung

Belegt ist die Verwendung der Gebäude als Baubüro, Lagerraum sowie als Kantine (40) (Abb. 8). Als Wirtin war für diese Gusti Sammer (1899-1997) – Schwester des „Schwammerlkundigen“ Sammer-Xidi (1896–1982) – verantwortlich (41). Sie hatte offenbar ein gutes Verhältnis zu den Arbeitern, wie ein im Deggendorfer Stadtmuseum befindlicher, aus Holz gedrechselter beziehungsweise geschnitzter Bierkrug zeigt (Abb. 9), auf dessen Deckel Gusti Sammer mit einer Zither zu sehen ist. Die Aufschrift lautet: „Andenken / Reichs Autobahnbau Kantine Klessing /19 Gusti Sammer 39“ (42).

Wir bedanken uns herzlich bei der Gemeinde Schaufling für die Erlaubnis der Veröffentlichung und beim Verlag Ebner (Deggendorf) für die Zurverfügungstellung der Datei. Die Rechte am Text liegen bei Florian Jung. Die Rechte an den Abbildungen sind in den Bildunterschriften enthalten oder liegen bei der AGAB.

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