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Die erste Autobahnbaustelle Niederbayerns

von | 11 März,2024 | Allgemeines

von Florian Jung – Kreisheimatpfleger in Deggendorf
mit Informationen von Alois Wanninger (AGAB)

2.1. Vorgeschichte

Im Januar 1934 ist in einem Schreiben des Deggendorfer Stadtbauamts an den Stadtrat im Zusammenhang mit einer möglichen Mitgliedschaft der Kommune in der „GeZuVor“ erstmals von der „geplante[n] Autostraße Regensburg – Passau“ die Rede (2). Ein im April 1937 in der „Bayerischen Ostmark“ veröffentlichter Artikel enthält relativ konkrete Aussagen über die Strecke im Bereich Iggensbach (3).

Im Oktober 1937 erschien im Parteiorgan „Völkischer Beobachter“ ein Beitrag mit dem Titel „Österreich sucht Anschluß an die Reichsautobahn“. In diesem wird „die bevorstehende Fertigstellung der Reichsautobahn nach Passau bzw. Schärding“ erwähnt (4).

In einem Schreiben des zuständigen Ortsbauernführers an die Autobahnbehörden vom März 1938, das sich auf Voruntersuchungen bei Klessing im Herbst 1937 bezieht, wird im Zusammenhang mit dem Autobahnbau erstmals die Gemeinde Schaufling genannt (5). Im Januar 1938 hatte man im Bezirksamt (Landratsamt) zur Kenntnis genommen, „daß im hiesigen Bezirke an der Absteckung u. Projektierung der Autobahnlinie gearbeitet wird“. Mitarbeiter der Behörde wussten zu dieser Zeit auch, dass insgesamt 15 Kommunen im Bezirk (Landkreis) vom Autobahnbau betroffen waren, da dieselben über entsprechende Bauvorschriften informiert wurden (6).

2.2. Das Los 135

Verlauf des Loses 135 (Quelle geoportal.bayern.de/bayernatlas – Bearbeitung Alois Wanninger)

Das Los 135 der RAB 87 erstreckt sich von der Unterführung der Ulrichsberger Straße bis in ein nördlich von Helming am Fuß des Schützinger Berges gelegenes Waldstück (etwa 5,7 Kilometer). Wie aus dem Ausschreibungstext hervorgeht, umfassten „die Erd- Wegebefestigungs- und Planierungsarbeiten [in erster Linie] 44.000 m³ Rasen- und Mutterbodenabhub, 635.000 m³ Erdbewegungen, 630.000 m³ Dammverdichtung, 141.000 m³ Mutterbodenabdeckung an Böschungen, 750 m³ Beton, 1300 m³ Bruchsteinmauerwerk“ (7). Drei Unternehmen gaben ein Angebot ab (8). Den Zuschlag erhielt die Firma Streicher, wobei die Auftragssumme 2.957.397 Reichsmark (RM) betrug (9). Die „Randstreifen [waren] auf der ganzen Loslänge mit 2,25 m Breite vorgesehen, sodaß die Kronenbreite durchwegs 28,50 m (statt 24 m)“ (10) betragen sollte. Mit der Errichtung der noch zu behandelnden Kunstbauten wurden neben der Firma Streicher andere lokale Betriebe (Simperl & Gerstner, Luber sowie Nunner & Neumayr) beauftragt. Eine Ausnahme bildete die in Regensburg und München ansässige Firma Riepl. Die Fahrbahndecke sollte in Beton ausgeführt werden. Laut Teilstrecken-Kostenanschlag ging man von Gesamtkosten von 8.918.700 RM für das Los 135 aus. Die wichtigsten Positionen bildeten der Erwerb von Grundstücken und Gebäuden, Erd-, Fels- und Böschungsarbeiten, der Bau von Anschlussstellen, Unterführungen und Wasserdurchlässen, die Anlage von Wegen und Parkplätzen, die Befestigung der Fahrbahn und des Randstreifens sowie Lohnkosten (11).

2.3. Die Veränderungen an Wegen und Wasserläufen sowie die Errichtung von Kunstbauten

Am 12. Mai erfolgten „die durch den Bau der Reichsautobahn Nürnberg-Passau in den Steuergemeinden Deggendorf und Schaching veranlaßten Verhandlungen über die Änderung an Wegen und Wasserläufen“. An diesen waren Vertreter zahlreicher Behörden beteiligt. Dem Protokoll ist Folgendes zu entnehmen:
„Die Reichsautobahnen stellen auf eigene Kosten die in Aussicht genommenen Änderungen der Wege und Wasserläufe sowie die notwendigen Ersatzwege her“. Nach Abschluss der Bauarbeiten sollte der Unterhalt der Wege samt der zu diesen gehörigen Kunstbauten sowie der Wasserläufe auf den jeweiligen Grundeigentümer übergehen (12).

Für die folgenden Angaben wurde auch der im Dezember 1939 aufgestellte „Teilstrecken-Kostenanschlag“ für das Los 135 herangezogen, in dem zusätzliche Wasserdurchlässe aufgeführt werden. Folgende Unterführungen waren im Bereich des Loses 135 vorgesehen: Auf die Unterführung der Ulrichsberger Straße (gebaut von der Forma Riepl) folgen ein Bauwerk, unter dem der Hammermühlbach und ein Fußweg verlaufen sollten (errichtet von der Firma Riepl) und die Unterführung der „Reichsstraße 11 Deggendorf – Eisenstein (Ruselstraße)“, die ebenfalls von der Firma Riepl gebaut wurde. Durch den Mühlbogentunnel (ausgeführt von der Firma Luber) verlaufen ein Fußweg und – zu einem Wasserlauf zusammengefasst – der „Mühlbach und der Altbach“. Des Weiteren wurde bei Schleiberg eine Unterführung geplant (errichtet von der Firma Streicher). Die Überführung des Weges zwischen Scheuering und Schleiberg wurde nicht gebaut (13). Am 13. Mai setzte man die Begehung „in den Steuergemeinden Mietraching, Schaufling und Seebach“ fort. Die Gemeinde Schaufling wurde durch Bürgermeister Vinzenz Zellner und Ortsbauernführer Josef Weinberger vertreten. Die Regelung der Unterhaltspflicht für die Wege und Wasserläufe entspricht den in der Niederschrift für die Steuergemeinden Deggendorf und Schaching festgehaltenen Bestimmungen.

Gewölbter Durchlaß mit Quellleitung bei Haslach km 167,334 in 2010, Lichte Weite 2,00, Lichte Höhe 2,00

Auf Mietrachinger Gebiet waren folgende Maßnahmen vorgesehen: Neben der Errichtung der Unterführung bei Dippling (beide Flügel von der Firma Simperl & Gerstner gebaut, Fahrbahnplatte nicht mehr ausgeführt) sollte der „Weg Klotzing – Filling“ die RAB überqueren (nicht gebaut). Die nächste Unterführung war bei Haslach geplant (von der Firma Max Luber errichtet). „Die Landstraße I. Ordnung Nr. 133 Deggendorf – Schönberg“ (heute bis Lalling Staatsstraße 2133) sollte circa 350 Meter nach der Haslacher Unterführung im Bereich der dortigen Anschlussstelle die Autobahn überqueren (Bauwerk nicht ausgeführt).

Im Bereich der Gemeinde Schaufling waren zwei Feldwegunterführungen vorgesehen. Eine liegt südöstlich von Klessing (gebaut von der Firma Streicher), die andere war zwischen Pumpenberg und Schützing unmittelbar vor dem Ende des Loses 135 geplant (nicht errichtet). Auf dem Gebiet der Gemeinde Seebach war eine Unterführung bei Helming vorgesehen, die sich im Los 136 befunden hätte (nicht ausgeführt).

Zwischen dem Losanfang und Haslach waren elf Wasserdurchlässe vorgesehen, von denen sieben errichtet wurden und heute als Bestandteil der Staatsstraße 2133 erhalten sind. Weitere drei südlich von Klessing gebaute Wasserdurchlässe können ebenfalls – ohne Funktion im Wald unterhalb des Schützinger Berges besichtigt werden (14). Der zweite dieser Durchlässe ist mit einem Kanalschacht versehen, der die Mitte der Trassenbreite markiert.

Außerdem war in diesem Bereich „an den bewaldeten und steinigen Südwesthängen des Schützingerberges [eine] gestaffelte[] Fahrbahn“ (15) vorgesehen. Im Zusammenhang mit der Sicherung des neben der Trasse befindlichen Hanges wurde Folgendes gefordert: „Der Auftragnehmer verpflichtet sich, kostenlos eine Probemauer von etwa 10 m² für die Stützmauern […] aufzustellen“ (16). Diese wurde aus Granitbruchsteinen – jeweils zur Hälfte als Trocken- beziehungsweise mit Mörtel verbundenem Mauerwerk – errichtet und ist heute noch erhalten.

2.4. Geplante Anschlussstellen

Auf- bzw. Abfahrten waren im Mai 1938 in Deggendorf – an die Landstraße in Richtung Patersdorf (heute B 11) – sowie laut der Presse auch in Hengersberg geplant (17). Im Juni 1938 sprachen sich die Kommunen Schaufling, Urlading und Lalling für einen zusätzlichen Autobahnanschluss bei Haslach aus (18). Die Gemeinde Lalling beispielsweise bat das Bezirksamt, „alles daran setzen zu wollen[,] um eine Auf- und Abfahrt in Richtung Deggendorf zu bekommen“, weil die Straße zwischen Deggendorf und Haslach „sehr steil“ und kurvenreich sei, was „eine dauernde Behinderung des Verkehrs“ zwischen der Stadt und den genannten Gemeinden mit sich bringe: „Es vergeht bereits kein Winter, wo nicht Autounfälle oder Abstürze über Böschungen vorkamen“ (19).

geplante Anschlußstelle Grafling – Archiv Alois Wanninger

Anfang Juni dieses Jahres informierte das Bezirksamt das Straßen- und Flussbauamt Deggendorf über dieses Ansinnen und bat, bei der entsprechenden Stellungnahme zu beachten, dass durch diese Anbindung sowohl „eine wertvolle Erschließung der genannten Gemeinden und ihres Hinterlandes für den Güterverkehr (land- und forstwirtschaftliche Erzeugnisse), als auch für den Fremdenverkehr (insbesondere auch Wintersportverkehr!) gegeben“ sei. Außerdem wird „die wesentliche Verbesserung des Verkehrs zum und vom Sanatorium Hausstein durch die Errichtung der bez. Anschlusstelle“ hervorgehoben (20). Anfang Juli ließ das Bezirksamt der Obersten Bauleitung die positive Stellungnahme des Straßen- und Flussbauamtes „mit der dringenden Bitte, den Anträgen der beteiligten Gemeinden stattzugeben“, zukommen (21).

Geplante Anschlußstelle (AS) bei zwischen Klessing und Haslach – Archiv Alois Wanninger

Erst im Mai 1939 wurde offiziell bestätigt, dass neben dem Autobahnanschluss Deggendorf auch diejenigen bei „Haslach und Schwanenkirchen-Hengersberg zum Bau genehmigt sind“ (22). Bei Haslach war auch die Errichtung eines Rastplatzes mit „Kraftwagenbehandlungs- und Tankanlagen“ geplant, wobei den Anwohnern die Schaffung von Arbeitsplätzen in Aussicht gestellt wurde (23).

Der dortigen Anschlussstelle wäre das Wirtshaus der Brauerei Sesselsberger zum Opfer gefallen, das daher von der RAB – wie auch andere Immobilien im Bereich des Loses 135 – gekauft wurde (24). Zu einer Aufnahme der Arbeiten ist es an keiner der drei Anschlussstellen gekommen.

Wir bedanken uns herzlich bei der Gemeinde Schaufling für die Erlaubnis der Veröffentlichung und beim Verlag Ebner (Deggendorf) für die Zurverfügungstellung der Datei. Die Rechte am Text liegen bei Florian Jung. Die Rechte an den Abbildungen sind in den Bildunterschriften enthalten, oder liegen bei Mitgliedern der AGAB.

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